Die Geburt des Repaircafés

Nachdem ein erster Anlauf 2022/2023 über rund ein Jahr eingeschlafen war, begann die Wiederbelebung des Projektes mit einem Infostand auf dem Boizenburger Marktplatz (Bericht im Nordkurier vom 23.11.2024): Bei den Gesprächen mit Interessierten war der Zuspruch überwältigend, viele Menschen zeigten Interesse daran, Teil des Projekts zu werden.
Das Repaircafé begann mit grundlegenden Fragen: „Wo findet sich ein Raum? Wie finden sich genügend Engagierte?“ Diese Überlegungen legten den Grundstein für ein Projekt, das jetzt ein Jahr alt geworden ist und mehr als nur Reparaturen bietet.
Die Kirchengemeinde öffnet ihre Türen

Ein herzlicher Dank gilt der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Boizenburg, die sich für unsere Idee gewinnen ließ und uns ihr Gemeindezentrum zur Verfügung stellt. Dieser Raum wurde zu einem kreativen Treffpunkt für diejenigen, die ihre Fähigkeiten einbringen wollten, und denjenigen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Reparatur ihrer Geräte, Fahrräder und Werkzeuge versuchen wollten, anstatt diese wegen eines Defektes gleich zu entsorgen. Mit Unterstützung von Martin Merlitz, dem Organisator des Repaircafé Lauenburg, fand der erste Termin des Repaircafés Boizenburg am 30. November 2024 statt – die Idee wurde zum Leben erweckt!
Menschen für das ‘Repair’ und für das ‘Café’
Inzwischen hat sich eine feste Gruppe von Engagierten gebildet, die regelmäßig das Repaircafé in Boizenburg veranstalten: Dazu gehören die Reparateure für das ‘Repair’ und Menschen, die das ‘Café’ mit Kaffee und Leckereien versorgen – ein riesiges Dankeschön!
Ist das legal?
Immer wieder kommt die Frage auf, ob unser Projekt überhaupt zulässig ist, schließlich arbeiten wir in verschiedenen handwerklichen Gewerken: Elektrotechnik, Zweiradtechnik, Mechanik, IT und Beratung im allgemeinen.
Die kurze Antwort lautet: Das ist 100% rechtens! Wie alle Repaircafés leisten wir ehrenamtlich – ohne Ausrichtung auf wirtschaftlichen Gewinn – Hilfe zur Selbsthilfe.
Wir Reparateure haben einen ausgewiesenen technischen Hintergrund, mit Berufsausbildung und/oder Studium und fast noch wichtiger: Viel Erfahrung im Umgang mit technischen Gegenständen. Wenn ein Gerät einen gefährlichen Mangel hat, dann ‘pfuschen’ wir es nicht wieder halbwegs zusammen, sondern nehmen es in Abstimmung mit den Eigentümern außer Betrieb! (Wer sich für das Thema Haftung und Sicherheit interessiert, findet hier erweiterte Informationen)

Interessant ist, dass die Menschen nicht nur bereit sind, ihre defekten Gegenstände zur Reparatur zu bringen, sondern viele Besucher des Repaircafés haben selber schon eine Reparatur versucht. Manchmal fehlte Werkzeug, manchmal eine Idee, manchmal auch nur der Mut, ein Kunststoffgehäuse zum Öffnen etwas rabiater zu behandeln.
Klönen, schnacken und reparieren

Als engagierte Techniker – ja, die Reparateure sind momentan alle männlich – sind die Gespräche und der Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe mit den Gästen, die einen Reparaturversuch schon selbst in die Hand genommen haben – und hier gibt es viele Frauen! – sehr befriedigend.
Und die Geschichten, die sich um die Gegenstände, das handwerkliche Engagement und auch ganz Persönliches drehen, sollten eigentlich aufgeschrieben werden.
Nachhaltigkeit in der DDR? Keine Ostalgie!

Wir sind ein der Nachhaltigkeit verpflichtetes Repaircafé tief im Westen – des Ostens. Eines auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Wir sind weit davon entfernt, in Ostalgie zu verfallen, aber in der DDR gab es tatsächlich eine Verpflichtung zur Langlebigkeit und Reparierbarkeit von (Elektro-)Geräten:
Gesetzlich vorgeschrieben – nicht nur per Norm wie die der westlichen DIN – wurden in der DDR zum Beispiel Elektrogeräte nach festgelegten Standards langlebig und reparierbar konstruiert.
Diese Vorgaben waren kein Selbstzweck, sondern dem Mangel an Ressourcen und Produktionskapazitäten geschuldet. Ziel war es, Geräte möglichst lange nutzbar zu halten.
Dazu wurden Geräte mit Ersatzteilen und Reparaturanleitungen konzipiert, Reparaturwerkstätten waren flächendeckend verfügbar und – ein absoluter Gegenentwurf zu den Portalen Tee-Muh und Co – Reparieren war günstiger als Neuanschaffungen (eine gute Darstellung der Situation in der DDR ist hier auf mdr.de zu finden).
Politische Themen im Gespräch
Und auch, aber nicht nur wegen unseres Standortes in Boizenburg kommen bei den Gesprächen im Repaircafé immer wieder politische Themen auf: Sie drehen sich um die Reparierbarkeit von Gegenständen, unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die Gesetze zur Standardisierung und zum Recht auf Reparierbarkeit, die häufig auf EU-Ebene verabschiedet werden.
Auch die Rolle des Ehrenamtes kommt zur Sprache und zeigt, dass unser Repaircafé nicht nur ein Ort der Reparatur, sondern auch ein gesellschaftlicher Treffpunkt ist.
Dankbarkeit der Gäste und Dankbarkeit der Reparateure
Uns Reparateuren begegnet häufig eine große Dankbarkeit, da wir wertvolle Zeit und Fähigkeiten in das Projekt investieren. Diese positive Rückmeldung motiviert wiederum uns Engagierte, weiterhin unser Bestes zu geben und eine Reparatur auch bei dem schrammeligsten Gegenstand (eine Kuckucksuhr steht den Reparateuren noch vor Augen…) immerhin zu versuchen.

Wir sind (noch) kein eingetragener Verein, weil wir uns im Wesentlichen auf den Spaß am Reparieren und die Freude im Umgang mit Menschen konzentrieren. Trotzdem haben wir eine kleine Spendenschale, die von den Gästen überraschend gefüllt wird. Wir konnten damit einen kleinen Bestand an speziellen Werkzeugen und Hilfsmittel wie Öl und Mehrfachsteckdosen beschaffen, und wir haben uns ein immer wieder mit Stolz ausgehängtes Banner beschafft.
Vielen herzlichen Dank und seien Sie willkommen im zweiten Jahr des Repaircafés Boizenburg
… am 10. Januar 2026
(Der Flyer zum Ausdrucken und Verteilen hier zum Download)

(Daniel Rohde-Kage)
















